Auch eine wissenschaftliche Abhandlung
kann und darf, nein sollte
spannend sein wie ein Roman.

Broder Christiansen

 

Dreieck

Keiner kann zweien in die Augen schauen. Es gibt daher keine Beziehung unter dreien, weder als Dreiecksverhältnis noch als Dreiecksunverhältnis. Gewiss reihen sich Ursache und Grund an Wirkung und Folge, Anfang an Ende, Beziehung an Beziehung. Doch einer einzelnen Beziehung kann ausschliesslich ein Paar angehören. Mehr als zwei können nicht einheitlich durch Recht und Pflicht verbunden sein. Soweit ein Trio beziehungsweise verkuppelt, sind es drei selbständige und voneinander unabhängige Beziehungen, von denen keine einer andern übergeordnet ist. Zwar werden etwa Verträge von drei oder mehr Leuten unterzeichnet oder Streitigkeiten durch Gerichtsurteil zugunsten und zulasten zweier oder mehrerer gefällt. Diese sind aber stets zwei oder mehr Einzelne, die, gebündelt zu einer Einheit, einer andern Gruppe als Einheit oder einem Einzelnen gegenüber stehen. Ein Gesellschaftsvertrag oder ein mehrere zu gemeinsamer Verpflichtung verurteilender gerichtlicher Spruch schafft ausschliesslich Klarheit unter zweien, von denen jeder ein Einzelner ist oder eine in einer Gruppe zusammengefasste Einheit. Eine Gesellschaft zielt als Einheit auf gemeinschaftliches Handeln gegenüber einem Einzelnen oder einer andern Einheit. Innerhalb einer solchen Gruppe bestehen jedoch nur mehrfach Beziehungen unter je zweien. Jeder gegen jeden gilt spätestens in Vollzug und Liquidation. Vollstreckung kann sich nur gegen eine Einheit richten.

Und doch gibt es den Dritten. Dritter ist der nicht einer von zweien. Aber nicht jeder, welcher einer Beziehung nicht angehört, ist Dritter.
Dritter ist, wer eine Beziehung unterhält zu einem, der auch in einer Beziehung zu einem andern steht, sofern beide Beziehungen sich auf die gleiche Sache richten. Und immer besteht dann eine eigene Spannung zwischen den beiden, welche diese eine Sache beanspruchen. Denn es können nicht zwei ein und die selbe Sache haben. Kant, der Denker, hatte für die zwischenmenschliche Beziehung der Ehe das Gesetz aufgestellt, wonach, wenn das eine von den beiden, welche ihr angehören, sich in den Besitz eines Dritten gibt, das andere es jederzeit in seine Gewalt zurückbringen darf.
Auch an der Anweisung sind drei beteiligt. Ist das unwiderrufliche Zahlungsversprechen der Anweisung zuzuordnen, so muss, wer das unwiderrufliche Zahlungsversprechen begreifen will, zunächst die Anweisung verstehen. Wenn eine Bank eine Geldüberweisung, jede Geldüberweisung ist eine Anweisung, fehlerhaft vornimmt, indem sie, ohne dazu beauftragt zu sein, versehentlich Geld vom Konto des einen auf das Konto eines andern überträgt, so ist diese eine von ihr als Dritte vorgenommene Vertreuung und, wenn sie es absichtlich gemacht, in einer andern Beziehung überdies eine Veruntreuung. Da das Gesetz ein solches natürliches Geschehen für unverhältnismässig erklärt, hat derjenige, welcher das Geld erhalten hat, es dem andern zurück zu zahlen. Die Bank tritt den beiden, da sie selber nicht zweckgerichtet handeln, wie Naturgewalt gegenüber.
Das unwiderrufliche Zahlungsversprechen verfehlt seinen Zweck, wenn die Bank, anstatt zu zahlen, dem Verkäufer die Verrechnung erklären kann. An einer Verrechnung sind zwar nur zwei beteiligt. Aber aus dem Grundstückkauf mit unwiderruflichem Zahlungsversprechen sind drei davon betroffen. Der Umsatz von Grundstück und Geld kommt nur zustande, wenn er für alle drei recht ist. Dass das unwiderrufliche Zahlungsversprechen seinen Zweck erfüllt, liegt daher nicht nur im Wohl des Verkäufers, sondern ebenso des Käufers und der Bank.

Die Beziehung ist die nach dem Gesetz durch Anfang und Ende abgegrenzte sowie aus einem Paar, einer Sache und dem Vertrauen abgegrenzte Einheit. Sie ist damit sowohl päärlich als auch sachlich und vertraulich sowie ursächlich und wirklich, wenn sie sich nach dem Naturgesetz richtet, oder gründlich und folglich nach dem Menschgesetz. Unterschieden werden Beziehungen wie sie vom Obligationenrecht gegliedert und nach der Gesetzmässigkeit. Nach dem Obligationenrecht in Versprechen, Verbrechen und Vertreuen, nach der Gesetzmässigkeit in Verhältnisse und Unverhältnisse. Verhältnisse als in Anfang und Ende rechtmässige Beziehungen umfassen versprecherisch den Vertrag, verbrecherisch die erlaubte Handlung und vertreuerisch die gerechtfertigte Bereicherung, Unverhältnisse als im Anfang unrechtmässige und ihrem Ende rechtmässige Beziehungen versprecherisch den Unvertrag, verbrecherisch die unerlaubte Handlung und vertreuerisch die ungerechtfertigte Bereicherung. Unter dem Gesichtswinkel von Natur und Mensch sind Versprechen und Verbrechen auf beiden Seiten des Paars und sowohl im Anfang als auch im Ende der Beziehung mit zweckgerichtetem Verhalten, während das Vertreuen naturgesetzlich geschieht. Die menschgesetzlichen Beziehungen unterscheiden sich insofern, als im Verbrechen eine einzige Sache verharrt oder sich verschiebt, während es im Versprechen dies gegenseitig eine Sache tut.– In der verhältnismässigen Beziehung verschiebt sich die Sache vom einen zum andern, während sie in der unverhältnismässigen Beziehung bei ein und dem selben verharrt, indem sie verbleibt, wo sie ist, oder, sollte sie sich trotzdem verschieben, wieder zurück fällt. Und beidemale bleibt es dabei. Damit setzen sich vollständige und erfüllte Beziehungen auch als Unverhältnisse rechtmässig durch.– Hat die verhältnismässige Beziehung angefangen, indem Vertrauen getauscht ist, die Sache sich aber noch nicht verschoben und die Beziehung damit noch nicht geendet hat, so ist dem einen geboten und hat er die Pflicht, dies zu verwirklichen, und der andere das darauf gerichtete Recht. Hat die unverhältnismässige Beziehung angefangen, indem Vertrauen getauscht, so ist es dem einen verboten und hat er die Pflicht, die Sache zu belassen, wo sie ist, und endet sie in der Gleichzeitigkeit, wenn sich dies verwirklicht. Der andere ist entsprechend nicht verpflichtet, die Sache zu übergeben, und gibt es gegenüber kein darauf gerichtetes Recht. Verschiebt sich die Sache trotzdem, so hat derjenige, welchem sie zugekommen, die Pflicht, sie zurück zu geben und der andere das darauf gerichtete Recht.– Versprechen und Verbrechen sind mit zweckgerichtetem Verhalten verbunden, Vertreuen nicht. Zweckgerichtet ist das Verhalten des Menschen, wenn er das Naturgesetz anwendet, und sein Tun oder Unterlassen nicht, wenn sich das Naturgesetz verwirklicht, ohne dass er wissentlich und willentlich etwas dazu beiträgt. Doch selbst im unverhältnismässigen Vertreuen, der ungerechtfertigten Bereicherung, verhalten sich in dem in der Rückgabe der Sache erfüllten Ende der Beziehung beide zweckgerichtet. Auch in der Achtung vor dem, was der andere verhältnismässig erworben hat und ihm also zu eigen gehört, verwirklicht mit der erfüllten und in der Gleichzeitigkeit abgeschlossenen unverhältnismässigen Beziehung der unerlaubten Handlung, verhalten sich beide zweckgerichtet, indem der eine verbotenem Begehren nicht nachgibt und der andere, sein Eigentum oder den Besitz wissentlich und willentlich ausübend, sein Haben behauptet.– In Ursache und Grund der Beziehung als deren Anfang wird Vertrauen getauscht, und in deren Ende als Wirkung und Folge der Beziehung verschiebt sich eine Sache oder bleibt sie, wo sie ist. Als Anfang der Beziehung gilt das Vertrauen auch dann, wenn sich gleichzeitig mit ihm eine Sache verschiebt oder sie liegen bleibt, wo sie ist, und die Sache als Ende der Beziehung, ob gleichzeitig Vertrauen getauscht werde oder nicht.– Das Gesetz ändert sich in Raum und Zeit. Und es statuiert Ausnahmen zu seinen Regeln. Nicht dazu, dass die Beziehung stets aus zweien besteht. Auch nicht zum Vertrauen, das sich stets verschiebt, wenn eine Sache vom einen auf einen andern übergeht oder bei einem von den beiden still steht. Aber manchmal, indem das Gesetz die Sache in einem vermeintlichen Verhältnis bei ein und dem selben verharren oder ein Unverhältnis plötzlich zu einem Verhältnis erklärt und sie endgültig verschieben lässt.

Das Gesetz vermag zu regeln, was unter dreien oder mehrern gilt. Es kann sogar widersprüchlich sein. Auch das den Widerspruch ausschliessende Gesetz der Logik ist vom Menschen gemacht. Kein Gesetz steht über dem andern. Aber für jede Beziehung muss es eine Ursache und einen Grund geben. Nicht weil es übersichtlicher ist, Bezüge unter dreien oder mehr Leuten in Zweierbeziehungen zu gliedern. Auch nicht weil das Gesetz für die Beziehung es vorschreibt.1 Sondern weil es ohne Ursache und Grund weder Wirkung noch Folge gibt. Ein Gesetz, welches Wirkung und Folge statuiert ohne Ursache und Grund widerspricht dem Gesetz des Gesetzes wie das Naturgesetz oder Menschgesetz, das eine Wirkung oder Folge ohne Ursache und Grund vorschreibt. Das Gesetz des Gesetzes lautet dahin, dass es Ursache und Grund einerseits und anderseits Wirkung und Folge enthält. Ein vom Gesetz vorgeschriebene Grund mag als haltlos beurteilt werden, so dass es geändert werden sollte. Ohne solchen Grund ist eine Vorschrift aber kein Gesetz. Eine Vorschrift, welche Wirkung und Folge ohne Ursache und Grund oder dieses ohne jenes vorschreibt kann, da es kein Gesetz ist, unbeachtet bleiben und muss nicht befolgt werden. Es ist Unwahrheit, falsch und Lüge. Wenn das unwiderrufliche Zahlungsversprechen in der Folge zur Zahlung verpflichten und wahr und richtig sein soll, muss es einen Grund haben.

 

1 Art. 17 OR (Verpflichtungsgrund). Ernst A. Kramer/Bruno Schmidlin: Berner Kommentar N. 1 ff. zu Art. 17 OR.