Das sicherste Maß jeder Kraft
ist der Widerstand, den sie überwindet.

Stefan Zweig

 

UNJÄHRUNG IM UNVERHÄLTNIS

Das Unverhältnis ist die Beziehung, in welcher eine Sache unter Vertrauentausch sowohl im Anfang als auch im Ende der Beziehung bei dem einen von den beiden, welche ihr angehören, verharrt und, wenn sie im Anfang der Beziehung vom einen auf den andern übergegangen ist, in deren Ende von diesem an jenen zurück fällt. Sie umfasst versprecherisch den Unvertrag, verbrecherisch die unerlaubte Handlung und vertreuerisch die ungerechtfertigte Bereicherung. Im Unvertrag und in der unerlaubten Handlung verhalten sich beide, welche als Paar der Beziehung angehören, sowohl in deren Anfang als auch deren Ende zweckgerichtet. In der ungerechtfertigten Bereicherung fällt die Sache ohne ihr Zutun und auf beiden Seiten ohne deren Wissen und Wollen vom einen auf den andern und in deren Ende unter beidseitigem zweckgerichtetem Verhalten zurück. In der unerlaubten Handlung verschiebt sich einzige Sache, während im Unvertrag zwei Sachen gegenseitig vom einen auf den andern verrücken. Das Unverhältnis ist im Anfang unrechtmässig und im Ende der Beziehung rechtmässig. Derjenige von den beiden, welchem die Sache zugeht, muss sie, wenn sie einen Nutzen verkörpert, dem andern zurück zu geben, und dieser muss sie nicht zurück nehmen, wenn es sich um Lasten handelt. Geschehen Grund als Anfang und Folge als Ende der Beziehung gleichzeitig, so unterliegt sie keiner Jährung. Stimmen sie zeitlich nicht überein, so fallen die Sache und das Vertrauen, sei es versprecherisch oder verbrecherisch oder vertreuerisch, gegenseitig zwischen den beiden, welche der Beziehung angehören, zurück, sofern sie nicht vorher anderweitig geendet hat.

Er war ein Grossneffe des Komponisten und Nachfahre von Moses Mendelssohn. Zeitgenosse von Kant, war Moses Mendelssohn selber Philosoph der Aufklärung gewesen, jener geistigen Bewegung, gerichtet auf Vernunft als alleinige Urteilsinstanz und Wahrheit im klaren Begriff. Sein Wirken verbesserte die Stellung der Juden. Lessing, mit dem er befreundet, setzte ihm ein Denkmal im Nathan der Weise.
Paul von Mendelssohn-Bartholdy hatte Geld. Und einen kühnen Geschmack. 1902 war er aufgestiegen in die Leitung von Mendelssohn & Co. Das vor über hundert Jahren gegründete Familienunternehmen hatte mit Versicherungen gegen Hagel und Transportschäden angefangen und sich später auf das Privatkundengeschäft verlegt. Spezialisiert auf die Emission von russischen Eisenbahnanleihen, wurde das Bankhaus Mendelssohn zur Hausbank des Zaren von Russland. Schon 1905 verfügte Mendelssohn-Bartholdy über ein immenses Vermögen. Sein Vater war 1896 vom Kaiser vererblich geadelt worden.
1902 war ein erster Van Gogh nach Deutschland gekommen. Als in Berlin ein Kunsthändler weitere Bilder von ihm ausstellte, konnte niemand etwas damit anfangen. Der Kaiser, Gegner aller Neuerungen, beschimpfte ihn als einen, der diese Dreckkunst aus Paris zu uns bringen möchte. Ausstellungen mit 50 oder 100 und mehr Van Gogh blieben ohne nennenswerten Verkaufserfolg. Die Bilder waren leicht und billig zu haben. Mendelssohn-Bartholdy war einer von ganz wenigen, die welche erwarben. 1910 das Selbstbildnis mit Blumen auf Türkisgrund.

Das Unverhältnis unterliegt keiner Jährung. Auch dann nicht, wenn es angefangen und noch nicht geendet hat. Dies ist die Regel. Davon ausgenommen sind Geld und dergleichen.