Wer nie eine der anscheinend ehernen Regeln verletzt
und selbst das erlauchteste Kritikerhaupt
zum Schütteln zu bringen vermag,
der ist kein Schöpfer,
der bleibt stets ein Beckmesser1.

Jakob Wassermann

 

VERTRAUEN

Vertrauen ist das Ding, welches als Recht und Pflicht zwischen dem Paar der Beziehung gegenseitig hin und her sich verschiebt.

Jeder bekommt Vertrauen mit auf seinen Lebensweg. Doch wer zu viel verspricht, ohne zu erfüllen, wer verbricht, ohne dafür zu sorgen, dass er das Vertrauen wieder erlangt, wer Vertrauen verschleudert und missbraucht, der zerbricht. Dem geht das Vertrauen aus, welches er schenken könnte, und es wird ihm auch keines mehr entgegen gebracht.

Das Vertrauen verschiebt sich sowohl im Anfang als auch im Ende der Beziehung gegenseitig zwischen dem Paar, welches der Beziehung angehört. Der eine hat das Recht und der andere die Pflicht. In Ursache und Grund der Beziehung geht das Recht vom einen auf den andern über und die Pflicht von diesem auf jenen. In Wirkung und Folge der Beziehung fällt das Vertrauen gegenseitig zurück. Dem Auge entzogen zwar, gleicht das Vertrauen zwei Hebeln einer Maschine, welche die beiden, welche der Beziehung angehören, und die Gegenstand der Beziehung bildende Sache im Anfang der Beziehung verbinden und in deren Ende diesen Bund wieder lösen. Das Vertrauen ist der Kitt, welcher die Beziehung, wenn sie anfängt, verleimt und dann als Ganze zusammen hält, um sie, wenn Recht und Pflicht sich erfüllen, entflechtend wieder zu lösen. Anfänglich erzeugt es elastisch die auf die Sache bezogene Spannung zwischen dem Paar, welche endlich erlahmend das Vertrauen gegenseitig wieder zu seinem Ursprung zurück schnellen lässt.

Verbinden sich zwei in einer erlaubten Handlung, so geht vom einen, welcher die Übergabe einer Sache zusagt, unsichtbar die Pflicht auf den andern über, und in umgekehrter Richtung verschiebt sich gleichzeitig und ebenso unmerklich das Recht, so dass auf denjenigen, welcher es erhalten, die zur Beziehung gehörende Sache zulasten des andern übergehen, und dem die Pflicht zugefallen, sie zugunsten des andern verlieren soll. Im Versprechen sind es gegenseitig zwei Sachen, die durch das Vertrauen das zur Beziehung gehörende Paar in die Beziehung einbinden und daraus entlassen. Handelt es sich beim Versprechen um einen Handkauf, so geschieht alles gleichzeitig, nämlich beidseitiger Übergang von Recht und Pflicht sowie gegenseitiger Übergang von zwei Sachen zwischen dem Paar mit beidseitigem doppeltem Rückfall des Vertrauens.
Die unverhältnismässigen Gegenstücke zur erlaubten Handlung und zum Vertrag, nämlich die unerlaubte Handlung und der Unvertrag, lassen Recht und Pflicht tauschen, wenn hier zwei Sachen sich gegenseitig zwischen dem Paar verschieben und dort eine einzige Sache vom einen auf den andern fällt. Dies ist der Anfang der betreffenden Beziehung. Und in deren Ende, wo jede Sache wieder dorthin verrückt, wo sie hergekommen, fallen Recht und Pflicht gegenseitig zwischen den beiden zurück.
Im Vertreuen, das nicht durch zweckgerichtetes Verhalten des der Beziehung angehörenden Paars ausgelöst wird, sondern durch einen natürlichen Vorgang, ist es wie im Verbrechen, ob verhältnismässig oder unverhältnismässig, eine einzige Sache, deren naturbedingte Verschiebung zwischen dem Paar die Beziehung entstehen lässt. Ist das Vertreuen unverhältnismässig, also eine ungerechtfertigte Bereicherung, so tauscht sich das Vertrauen im Anfang der Beziehung aus und, fällt die Sache wieder demjenigen zu, der sie verloren hat, in deren Ende gegenseitig wieder zurück.

Immer wenn sich eine Sache zwischen zweien verschiebt, tauscht sich unter ihnen gleichzeitig das Vertrauen. In Verhältnissen, also erlaubter Handlung und Vertrag und gerechtfertigter Bereicherung, im Ende der jeweiligen Beziehung sowie in Unverhältnissen, also in unerlaubter Handlung, Unvertrag und ungerechtfertigter Bereicherung, sowohl im Anfang als auch im Ende der Beziehung. Denn in Verhältnissen verschieben sich die Sache oder, wenn es um einen Vertrag geht, zwei Sachen nur vom einen zum andern hin, während Unverhältnisse die Sache oder, wenn es um einen Unvertrag geht, zwei Sachen im Anfang vom einen zum andern verrücken und im Ende von diesem wieder zu jenem zurück.
Während also jede Verschiebung einer Sache mit dem Tausch von Vertrauen verbunden ist, kann sich Vertrauen auch ohne Übergang einer Sache austauschen. Dies geschieht im Anfang jeder verhältnismässigen Beziehung.
Daran ändert nichts, wenn die Beziehung als Ganze sich in der Gleichzeitigkeit vollzieht. Auch im Handkauf lassen sich Tausch von Vertrauen als Anfang der Beziehung unterscheiden vom gegenseitigen Rückfall des Vertrauens im Ende dieser Beziehung. Sofern es um einen verhältnismässigen Handkauf geht. Ist er als Unvertrag nämlich unverhältnismässig, so ist Gleichzeitigkeit des Geschäfts als ganzes ausgeschlossen, so dass mit dem zunächst erfolgten Sachübergang das Vertrauen sich lediglich einfach gegenseitig tauscht und es erst wieder beidseitig zurück fällt, wenn der Sachübergang rückgängig gemacht wird. Wenn sich auch mit jedem Sachübergang das Vertrauen tauscht zwischen den beiden, welche als Paar der Beziehung angehören, so gibt es also auch den Tausch von Vertrauen ohne Verschiebung einer Sache. Jede verhältnismässige Beziehung lässt Vertrauen in ihrem Anfang tauschen, ohne dass damit eine Sache überginge. Dies geschieht erst in dem mit dem Übergang einer Sache, im Vertrag von zwei Sachen, verbundenen Ende einer solchen Beziehung.

Ist auch eine Beziehung denkbar, in der weder in ihrem Anfang noch in ihrem Ende eine Sache übergeht? Also gegenseitiger Vertrauentausch ohne jeglichen Sachübergang?

Gült heisst Schuld und gültig, englisch guilty, schuldig. Geschlossen ist der Vertrag gültig. Durch das Gesetz macht der Vertrag schuldig. Aus einem gültigen Kinobillett ist der Betreiber des Cinéma schuldig, mir Zutritt zur Filmvorführung zu gewähren, aus einem ungültigen nicht. Wie das Gesetz aus der erlaubten Handlung denjenigen zur Verantwortung zieht, welcher die Zusage macht auf einseitige Hingabe einer Sache. Und ebenso erklärt es für schuldig, wer eine Sache aus einem Unverhältnis erlangt, sei es ein Unvertrag oder eine unerlaubte Handlung oder eine ungerechtfertigte Bereicherung. Wird die Schuld getilgt, so erlischt sie. Damit ist die Beziehung beendet und das Paar gegenseitig unschuldig geworden, die Beziehung vollständig und abgeschlossen.
Nicht untergegangen ist das Vertrauen. Wie das Vertrauen vorher vom einen auf den andern übergegangen, ist es von diesem an jenen zurück gefallen. Ein Schuldschein als die in einer Urkunde verkörperte Zusage ist dem andern wieder auszuhändigen, wenn die Schuld getilgt wird. Nicht nur im Versprechen, sondern auch im Verbrechen und dem Vertreuen, fällt das Vertrauen, wenn erfüllt, zurück, und zwar auch dann, wenn kein Schuldschein ausgestellt worden ist. Wer glaubt, dass, wenn ich am Kiosk eine Zeitung kaufe, die Verkäuferin das Versprechen abgibt und schuldig wird, mir diese gegen Geld zu überlassen, und ich, ihr dafür zu zahlen, und wer darüber hinaus den Schwachsinn ernst zu nehmen vermag, dass, indem die Verkäuferin mir die Zeitung übergibt und ich das Geld auf den Tisch lege, beide Schulden erlöschen, und zwar, aufblitzend und im selben Augenblick erlöschend wie der Funke einer Zündkerze, gleichzeitig mit dem Tausch von Zeitung und Geld, der kann auch für wahr halten, dass derjenige, welchem ein Van Gogh gestohlen wird, zeitgleich das Vertrauen erhält, dass ihm das Gemälde wieder zukommt. Zwar scheint bestechender der Gedanke, dass der Käufer dem Verkäufer zu zahlen verspricht, als der Dieb eines Van Gogh dem Sammler das Vertrauen schenkt, ihm das Gemälde wieder auszuhändigen. Wie im ich verpflichte mich, so der Rechtsphilosoph Gustav Radbruch, aber nicht das Ich es ist, welches sich verpflichtet, sondern das Gesetz, das, anknüpfend ans Versprechen, mich verpflichtet, so wenig schafft in der unerlaubten Handlung des Diebstahls der Räuber das Vertrauen, wonach ich die gestohlene Sache zurück erlange, und ist es auch nicht die Natur, welche in der ungerechtfertigten Bereicherung mich darauf vertrauen lässt, dass die zufällig abhanden gekommene Sache mir wieder zu geht. Sondern das Gesetz.
Dies alles gilt ohne gesetzliche Vorschrift und bedarf weder des Beweises durch die Rechtslehre noch der Bestätigung durch ein Gericht oder sonst eine Behörde. Denn so lautet das Gesetz des Gesetzes. Es gilt für jedes Gesetz, sei es Menschgesetz oder sei es Naturgesetz. Nach diesem Axiom besteht jede Beziehung aus Paar, Sache und Vertrauen. Ohne Vertrauen kein Paar und ohne eine Sache durch das Vertrauen darin verstrickt keine Beziehung. Dass das Paar durch das Vertrauen im Anfang der Beziehung fest mit der Sache zusammen gebunden wird und dass sie alle, nämlich Paar und Sache und Vertrauen, in ihrem Ende daraus entlassen sind. Dies läuft ab als unabänderlicher Mechanismus jeder Beziehung, handle es sich um ein Versprechen oder ein Verbrechen oder ein Vertreuen, sei sie verhältnismässig oder unverhältnismässig, geschehe sie in der Gleichzeitigkeit oder in der Ungleichzeitigkeit, umfasse sie eine einzige Sache oder zwei Sachen, gehe es bei der Sache um Nutzen oder Lasten oder Gefahren.

Vertrauen bedeutet hoffen können und glauben dürfen, dass sich das Gesetz erfüllt. Dass ich Nutzen erlange, dass mir Lasten abgenommen werden, dass Gefahren und Schicksal sich für mich zum Günstigen füge. Denn dies verheisst das Gesetz. Alles Geschehen der Welt verwirklicht sich im Gesetz und das Gesetz in der Beziehung, und jede Beziehung hat, naturgesetzlich mit Ursache und Wirkung, menschgesetzlich mit Grund und Folge, einen Anfang und ein Ende. Deshalb erfüllt sich jedes Gesetz. Sei es im Sein oder wenigstens im Schein und sonst jedenfalls in der Zeit.

Du sollst nicht begehren nach dem Hause deines Nächsten, du sollst nicht begehren nach dem Weibe deines Nächsten, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, nach seinem Rinde oder seinem Esel, nach irgend etwas, was dein Nächster hat2, und jeder, der eine Ehefrau ansieht, um sie zu begehren, hat ihr gegenüber in seinem Herzen schon Ehebruch begangen.3 So steht es geschrieben in einem alten Gesetzbuch.4

Wo etwas verboten ist, geht es um ein Unverhältnis. Während verhältnismässige Beziehungen in Anfang und Ende zulässig, sind alle Unverhältnisse in ihrem Grund untersagt und nur in ihrer Folge geboten. Auch wenn der angeführte Paragraph keine Folge ausspricht, ist sie doch geregelt in dem Gesetzbuch. Nach dessen Auslegung würde das Zutrittsbillet zum Paradies für ungültig gelocht oder sonstwie Zorn und Rache der darin statuierten Gottheit heraufbeschworen.* Vermag die Vorschrift den Weg zu weisen zur Antwort auf die Frage nach der trotz Vertrauentausch ohne jeglichen Sachübergang geschehenden Beziehung? Könnte sie gar der Schlüssel sein zu dem in Eigentum und Besitz steckenden Geheimnis?

„Unter dem Einfluß der altrömischen Jurisprudenz pflegt man zwischen dem Recht an einer Sache (jus in rem) und dem Recht gegenüber einer Person (jus in personam) zu unterscheiden. Diese Unterscheidung ist irreführend. Auch das Recht an einer Sache ist ein Recht gegenüber Personen.“5

Der menschliche Trieb zielt darauf, Nutzen zu erlangen und zu vermehren, Schaden fern zu halten und abzuwenden, Lasten los zu werden und auf andere abzuwälzen. Jedes wirtschaftliche Handeln besteht ganz natürlich im Begehren, Sachen zu erlangen, zu erben und zu erwerben, andern weg zu nehmen, fremdes Gut und Geld zu eigenem zu machen.
Nach der Vorschrift jenes alten Gesetzbuchs ist, wenn einseitig, dies alles, ja bereits der blosse Neid, eine unerlaubte Handlung. Ein solches Missverhältnis fängt also nicht erst mit der Wegnahme der Sache an, sondern schon vorher. Immer wenn einer die Sache eines andern begehrt, ist der Grund für eine solche Beziehung schon gesetzt. Weniger ausgeprägt bei Sachen von geringem Wert und bei grösserer räumlicher Entfernung zwischen dem der Beziehung angehörenden Paar. Je wertvoller eine Sache und je näher zwei sind, desto stärker ist die Spannung in solcher unverhältnismässiger Beziehung. Einer auf fernem Kontinent missgönnt mir den Van Gogh und derjenige am benachbarten Bibliothekstisch, weil seinen verlegt, meinen Bleistift, während dieser auf die Kreidezeichnung von dem Maler überhaupt nicht aus ist und den andern mein Bleistift überhaupt nicht reizt. Ob aber das Schreibzeug, weil ich es gerade benötige, meinen Trieb befriedigt oder der Wisch nicht, weil ich vielleicht nicht einmal weiss, von wem er stammt, ob ich eine mir gehörende Sache als hochwertig einschätze oder sie mir eine Last bedeutet, besteht zwischen mir und dem andern nicht erst ein Unverhältnis, wenn er sie mir wegnimmt, sondern schon, da er sie, ohne dass ich sie verliere, an meiner Stelle gern hätte. Vergegenwärtigt man sich, dass im Unverhältnis, in welchem eine Sache einem weg genommen wird, sie nach dem Gesetz an diesen zurück fällt, die unverhältnismässige Beziehung also erfüllt und abgeschlossen ist, wenn die Sache im Ergebnis bei ein und dem selben stehen bleibend verharrt, so offenbart sich, dass auch das allein durch ein Begehren und ohne Wegnahme der Sache geschaffene Unverhältnis eine vollständige und abgeschlossene Beziehung ist. Neid und Eifersucht erfüllen sich als Unverhältnisse, indem die Sache an ein und dem selben Ort verbleibt wie schliesslich in dem durch die Wegnahme einer Sache und deren Rückgabe erfüllten Unverhältnis. Wer eine Sache hat, steht in zahllosen solchen Beziehungen. Dabei fällt, wenn einer sie begehrt, das Vertrauen auf den andern und im selben Augenblick auf den Missgünstigen zurück. Je näher die Beziehung und je wertvoller die Sache, umso häufiger verschiebt sich Vertrauen auf denjenigen, der sie hat, und im gleichen Augenblick an den andern zurück. Hat einer eine Sache, die viele auch wollen, so ist er einem wahren Blitzlichtgewitter von Vertrauen ausgesetzt, und er fühlt sich pudelwohl in diesen Unverhältnissen, wie ein Filmsternchen auf dem roten Teppich. Denn in solchen Beziehungen verwirklichen sich Grund und Folge wie in einem Handkauf in der Gleichzeitigkeit. Vielleicht darum fühlen sich Reiche wohl in der Gesellschaft anderer Millionäre und der Arbeitslose besser in einem Gasthof als einem Hotel mit Sternen daran.

Die Beziehung zwischen dem Eigentümer einer Sache und demjenigen, der dies respektiert, ist eine unerlaubte Handlung. Als Unverhältnis ist sie im Anfang verboten und, falls trotzdem angefangen, im Ende geboten. Dennoch ist diese Beziehung, da Anfang und Ende in der Zeit zusammen fallen, als Ganze rechtmässig.

Das Gesetz regelt solches Unverhältnis als Eigentum und Besitz. Eigentümer einer Sache ist denn, wer sie verhältnismässig erlangt hat. Verhältnismässig kann er damit über sie frei oder, wie vom Gesetz ausgedrückt, nach Belieben verfügen in den Schranken der Rechtsordnung. Er bleibt nicht nur dann Eigentümer, wenn die Sache ihm unverhältnismässig abhanden kommt, sondern auch, wenn er die tatsächliche Gewalt über die Sache, dies ist der Besitz, auf einen andern überträgt, sei es gratis oder gegen Entgelt, um ihm zeitweise allein den Nutzen einzuräumen oder vorübergehend die damit verbundenen Lasten zu überbinden. Wer eine Sache unverhältnismässig erlangt oder verhältnismässig zu einstweiligem Gewahrsam, ist nicht deren Eigentümer, sondern nur Besitzer. Nicht gegen den Eigentümer selber, aber gegen jeden andern, welcher ihm die Sache streitig macht, hat der Besitzer, abgesehen von gewissen Ausnahmen, die gleiche Stellung wie ein Eigentümer und kann sich damit wie ein solcher gebärden. Gegen den Eigentümer kann er den Besitz nur verteidigen, soweit der Grund der Beziehung ihm dies erlaubt.

Arm, wer kein Geld, zu bedauern, wer kein Vertrauen hat, einsam, wer davon sein eigen nennt, es aber nicht ausgibt und in Beziehungen einbringt.

Das Vertrauen ist ein besonderes Ding. Die zwei, welche das Paar der Beziehung ausmachen, stellt man sich gewöhnlich als Menschen vor. Die Sache ist meistens ein sonstiger von der Natur hervor gebrachter Gegenstand, beispielsweise ein Grundstück oder Geld. Diese Dinge lassen sich regelmässig mit den Sinnen wahrnehmen. Man sieht sie mit den Augen und kann sie selbst dann ertasten, wenn eine Sache dem Paar einer Beziehung oder ein Mensch als Sache ihr angehört. Aber auch Sachen, welche keine festen Körper sind, vermögen in Beziehungen jede dieser beiden Funktion auszuüben, flüssige Stoffe wie Wasser oder Öl, und ebenso gasförmige, etwa Sauerstoff oder Erdgas. Vertrauen lässt sich demgegenüber weder sehen noch hören. Man kann es nicht riechen und nicht schmecken und nicht hören. Anders als Radiowellen lässt sich die Spannung zwischen Recht und Pflicht nicht einmal messen. Weder Rechtsgelehrte noch Philosophen oder Naturwissenschafter vermochten ein bildgebendes Verfahren zum Vertrauen zu entwickeln. Und doch ist es unbestreitbar ein Ding, welches, ohne dem Paar anzugehören oder Sache einer Beziehung zu sein, zwischen dem Paar gegenseitig zweifach verrückt. Während es Beziehungen ohne Verschiebung einer Sache gibt, ist die Beziehung ohne Tausch von Vertrauen nicht denkbar. Jede Sache verrückt unablässig in Beziehungen, in vorherigen und spätern. Aber in ein und der selben Beziehung verschiebt sie sich entweder, sei es hin oder sei es hin und zurück, oder aber bleibt sie unverrückt bei einem von den beiden, welche als Paar ihr angehören. Das Vertrauen jedoch tauscht sich in jeder Beziehung, ob sie sich in der Gleichzeitigkeit verwirkliche oder ungleichzeitig geschehe, ob die Sache verrücke oder verharre, stets doppelt je gegenseitig aus. Wer etwas derart Undurchsichtiges wie das unwiderrufliche Zahlungsversprechen begreifen will, tut gut daran, zum einen alles unter einheitlichem Gesichtswinkel zu sehen, sowohl Versprechen, Verbrechen und Vertreuen auf der einen Seite als auch Eigentum und Besitz auf der andern Seite. Dieser ist, wenn auch anderer denkbar, die Beziehung, welche besteht aus dem Paar, der Sache und dem Vertrauen. Und zum andern, wer auch das Vertrauen als zur Beziehung gehörend als in jeder Beziehung gegenseitig sich austauschendes Ding erkennt. Die wahren Vorteile werden sich dort zeigen, wo Recht im Dreieck herum gereicht oder Pflicht unter mehrern verschoben wird.

 

 

1 Ein Beckmesser ist ein kleinlicher, pedantischer Kritiker, benannt nach Sixtus Beckmesser aus Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“.

2 Die heilige Schrift des alten und des neuen Testaments: Das Alte Testament. 2. Mose, 20, 17 (von den zehn Geboten das neunte).

3 Die heilige Schrift des alten und des neuen Testaments: Das Neue Testament. Matthäus, 5, 27 (aus der Bergpredigt).

4 Matthias Mahlmann: Rechtsphilosophie und Rechtstheorie. S. 62 (Verbot des Zürnens, Beleidigens oder Verlangens nach der Partnerin eines andern als Grundanliegen des Christentums).

5 Hans Kelsen: Reine Rechtslehre. S. 135.

* Ich war nie besonders gläubig. Je stärker ich aber davon abkomme, umso mehr stelle ich fest, tatsächlich geglaubt zu haben, es gebe wirklich einen Gott.