O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit.

Clemens Brentano

 

Zeit

Das Ding an sich kann der Mensch nicht erkennen. Die Erkenntnis von Raum und Zeit ist dem Menschen verschlossen. Ein Ding ist nicht, was er als Abbild davon wahrnimmt. Es ist Kants grosse Tat, die Meinung überwunden zu haben. Hat es auch als Erster und aufs Schärfste formuliert: Der Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor.

Hier ist der erkennende Mensch, dort eine unabhängig von ihm bestehende Welt, die auf ihn einwirkt. Dies gibt dem Menschen eine Vorstellung von den Dingen. Sofern seine Vorstellungen mit den Dingen übereinstimmen, so die naive Meinung, sind sie Erkenntnis.
Solcher Vergleich ist aber nicht möglich. Der Mensch gehört der Raum und Zeit umfassenden Natur gleichgeordnet an. Vielleicht sind die Vorstellungen, welche der Mensch vom Raum und von der Zeit hat, diesen ähnlich, möglicherweise stimmen Anschauung und Wirklichkeit überein. Aber selbst wenn solche Gleichheit tatsächlich bestünde, hätte der Mensch keine Handhabe, sie zu bemerken. Er könnte niemals wissen, ob sie zu bejahen oder zu verneinen sei. Denn dafür fehlt dem Menschen der übergeordnete Standpunkt.
Der Mensch kann lediglich Vorstellungen vergleichen, nur Abbild und Abbild, nicht Abbild und Ding oder Ding und Vorstellung. Der einzige Richtpunkt weiter gehender Erfahrung wäre die Welt an sich. Doch diese übersteigt das menschliche Bewusstsein.

Das Modell des Dings an sich ist der Gedanke, dass der Mensch die Welt weder im Nachhinein noch von Vornherein vollständig zu begreifen vermag. Im Nachhinein erkennt er Sachen durch Wahrnehmung und Erfahrung, und indem er sie in den Verstand aufnimmt und darüber nachdenkt. Von Vornherein weiss er von grundlegenden Elementen jeder Erkenntnis. Kant nennt sie, abgeleitet von Aristoteles, Kategorien, worunter Raum und Zeit und diejenige von Kausalität und Dependenz.1 Nach dem Naturgesetz sind sie Ursache und Wirkung, bezogen auf das Menschgesetz bedeuten sie Grund und Folge. Ist das Naturgesetz vom Menschen gemacht, so gilt dies erst recht für das Menschgesetz. War man früher der Ansicht, dass sich unsere Erkenntnis nach den Objekten richten müssen, geht Kant davon aus, dass es sich umgekehrt verhält, nämlich dass sich die Objekte nach der Erkenntnis richten müssen. Die Wahrnehmung ist aber nicht bloss Schein. Das Bewusstsein spiegelt die Welt nicht nur wieder, sondern erschafft sie auch. Dabei geht es nicht nur um das Bewusstsein des einzelnen Individuums, sondern auch um das Bewusstsein überhaupt, um unser geistiges Gemeingut, wie es etwa in der Sprache und in andern Formen der Kultur fixiert und im Unbewussten des Menschen verankert ist. Die Verbindung von Kategorien einerseits mit Wahrnehmung und Erfahrung anderseits als produktive Einbildungskraft und Intuition führt zum Gegenstand der Erkenntnis.

Die Pappeln einer Allee und gescheitet auf einer Beige die Scheiter sind gleich. Doch allemal scheitert der Versuch auch des Gescheitesten, dies zu beweisen. Das Gesetz ahnt dies, wenn es für den Kauf vorschreibt, Verkäufer und Käufer hätten, sofern nichts anderes vereinbart oder üblich, Geld und Sache gleichzeitig zu tauschen, und zugleich geltend macht, dies hätte Zug um Zug zu geschehen, sowie, die Verlegenheit kaum verbergend, der Preis werde mit dem Übergang der Sache in den Besitz des Käufers fällig, im Zeitpunkt also, wo die Sache auf den andern hinüber fallen soll. Selbst im Kauf am Kiosk lässt sich nicht exakt sagen, in welchem Zeitpunkt gegen Zahlung des Preises die Zeitung, welche auf dem Ladentisch liegt, Besitzanweisung mit diesem als Natur und Drittem, ins Eigentum des Käufers übergeht und er sie behändigen darf und der Verkäufer nicht mehr, ohne sich an fremdem Gut zu vergreifen. Gleichheit in der Zeit lässt sich auch mit Tausendstelsekunden und immer noch kleinern Einheiten der Zeit nicht ganz genau feststellen. Um dies anzuerkennen, braucht man nicht einmal die Relativitätstheorie verstanden zu haben.
Und doch begreift der Mensch, was ein Apfelbaum ist. Der Apfelbaum ist nicht dieses Ding an sich. Er ist auch nicht, was der Mensch als Abbild davon wahrnimmt. Einen Apfelbaum erkennt der Mensch als solchen, indem er urteilend das Naturgesetz des Baums und des Apfelbaum auf die Sache anwendet. Was dieses Gesetz erfüllt, ist ein Apfelbaum. Gewiss existiert eine Sache, welche man als Apfelbaum versteht, auch wenn sie noch nie von einem Menschen gesehen wurde. Zum Apfelbaum wird sie aber erst durch die Anwendung des Gesetzes. Ein von einem Forscher aufgefundener versteinerter Apfelkern bezeugt, indem er ihn, von einem Rosengewächs stammend, diesem zuordnet und nicht den Weidengewächsen, zu welcher Gattung die Pappeln gehören, dass der Apfelbaum schon vor Millionen von Jahren existierte, als noch kein menschliches Auge ihn erblicken konnte. In der Wirklichkeit zwar schon vorhanden, wird er aber erst durch das Gesetz zum Apfelbaum. Ohne dieses Naturgesetz wäre es keiner, sondern ein unbestimmtes Etwas. Das Gesetz vermag Verflossenes mit Stillstehendem zeitlich gleich zu setzen und die Gegenwart in Echtzeit mit der Vergangenheit zusammen zu bringen. Möglich macht dies sowohl zur Sache als auch zur Zeit das vorher bestandene Gesetz.

Die Zeit kann weder gesehen noch gehört oder sonstwie mit den Sinnen wahrgenommen werden. Sie hat kein Ganzes und keine Teile, und jeder vermeintliche Teil scheint gleich wie der andere zu sein. Aber wie Sachen vom Menschen als gleich und als verschieden erklärt werden, obwohl sie für ihn weder einheitlich zu erkennen noch voneinander zu unterscheiden sind, statuiert das Gesetz auch zur Zeit sowohl die Gleichheit als auch die Teilung. Gleichheit der Zeit verwirklicht sich in der Gleichzeitigkeit. Teilung der Zeit erfolgt nach dem Auf- und Untergang der Sonne sowie nach kleinern Teilen der daraus sich ergebenden Abschnitte und grössern Einheiten, welche durch eine Mehrzahl von solchen Teilen gebildet werden.
Es wär zu schön gewesen, es hat nicht sollen sein, sagt das Lied zum unerfüllt gebliebenen Wunsch. Und nicht, es sei nicht gewesen. Wahr ist, was war. Denn vergangenes Geschehen erfüllte zweifellos das Naturgesetz. Nicht weil ein Geschehen nicht war, ist es unwahr, sondern weil das Gesetz darin sich nicht erfüllt hat. Wahr ist, was war, und was war, erfüllte das Gesetz. Wahr ist, was vorgeschrieben ist vom Gesetz. Wahr ist auch, was ist und was sein wird. Was ist, ist wahr, wenn sich ein Gesetz in der Gleichzeitigkeit erfüllt. Was sein wird, ist wahr, weil sich auch in der Zukunft das Naturgesetz verwirklicht. Voraussagen lässt sich die Zukunft über eine Beziehung, die angefangen hat, sofern das richtige Gesetz angewandt wird. Denn das Gesetz schreibt nicht nur den Anfang der Beziehung vor, sondern auch deren Ende. Wetterprognosen beruhen auf diesem Prinzip.
Wahr ist, was das Gesetz erfüllt. Die Zeit wie die Sache begreift der Mensch allein durch das Gesetz. Indem er Tatsachen am Gesetz misst und ausrichtet. Urteilen heisst das Gesetz anwenden. Und zwar das richtige Gesetz. Denn nach dem einen Gesetz ist der Aufgang der Sonne wahr, nach einem andern Gesetz ihr Untergang jedoch Täuschung und falsch. Der Mensch begreift im Urteil. Lüge und Falschheit, wenn das Gesetz nicht erfüllt ist, im verneinenden Urteil, Wahrheit aber im bejahenden Urteil.2

Das Gesetz statuiert ein Sollen. Der daraus abgeleitete Begriff steht vor dem Sein. Das Sollen ist vor dem Sein. Denn ohne Gesetz keine Erkenntnis.

Der Verstand schöpft das Gesetz nicht aus der Natur, sondern schreibt es dieser vor. Der Mensch stellt das Gesetz auf, Menschgesetz wie Naturgesetz. Gemacht ist es von dem, der die Macht hat. Die Macht hat, wer Sachen hat, ob Geld oder andere Sachen wie Grundstücke oder Arbeitnehmer. Das Gesetz zielt daher immer darauf, den Trieb des Mächtigen zu befriedigen und dessen Hinderung zu vermeiden. Es zementiert Eigentum und Besitz. Sei es in einem Land oder kleinern Einheiten wie Gemeinde, Unternehmen und Familie. Das Gesetz schützt Besitz und Eigentum vor denjenigen, welche ausserhalb einer solchen Gemeinschaft stehen oder innerhalb einer derartigen Einheit ganz oder teilweise davon ausgeschlossen sind. Die die Wahrheit machen und auch durchsetzen, sind die Rechten. Die andern, obwohl sie die Umverteilung von Sachen anstreben und Tiere anstatt Menschen und ihr Geld schützen wollen und Pflanzen und die Natur und das Gesetz ändern, nicht die Unrechten, sondern, weil gegen gemeinsames Fremdes sie beide zusammen stehen, verbrämend und den wahren Sachverhalt teilweise verschleiernd, die Linken. Kommunisten gelten hier als Linke, im sowjetischen Russland war es umgekehrt. Innerhalb einer einheitlichen politischen Partei gehören die einen, vielfach die Jungen, dem linken Flügel an, welche die Macht von den Alten als rechtem Flügel übernehmen wollen. Als Gavrilo Princip den österreichischen Thronfolger tötete und die Welt aus den Fugen geriet, beging er, Anarchist nach österreichisch-ungarischem Gesetz, eine unerlaubte Handlung. Nach serbischem Gesetz war es als Tyrannenmord eine erlaubte Handlung, und dort wird der Attentäter noch Jahrzehnte später als Volksheld verehrt.
Das Gesetz ist in der Lage, Unmögliches möglich zu machen. Was denkbar, kann das Gesetz wahr machen. Es ist imstande, Ursache und Wirkung durch die Zeit miteinander zu verbinden, obwohl keineswegs bewiesen und auch nicht nachweisbar ist, dass es diesen Bezug in der Wirklichkeit gibt. Es kann die Sache, obgleich an sich nicht erkennbar, als gleich oder unterschiedlich erklären. Es kann die Natur dem zur Beziehung gehörenden Paar zuordnen und den Menschen oder als Recht und Pflicht das Vertrauen in der Beziehung zur Sache machen. Ungeachtet der Tatsache, dass, wie Schopenhauer feststellte, der Mensch wohl tun kann, was er will, aber nicht wollen, was er will, von Einstein daran anknüpfend bekräftigt mit dem Bekenntnis, nicht an die Willensfreiheit des Menschen zu glauben, kann das Gesetz die Urteilsfähigkeit als Grund setzen und, Folgen daraus ableitend, für eine Wirkung die Ursache als Wahrheit feststellen.
Nicht verwunderlich denn, dass das Gesetz auch in der Zeit, obwohl für den Menschen so wenig erkennbar wie die Sache, etwas als gleich oder verschieden anzuerkennen vermag und überdies fähig ist, Anfang und Ende der Beziehung und damit sowohl Ursache und Wirkung als auch Grund und Folge durch die Zeit miteinander zu verkuppeln. Wahr ist, was dem Gesetz entspricht. Zu erkennen vermag der Mensch die Wahrheit in seinem Urteil. Indem er Tatsachen am Gesetz misst und ausrichtet und darüber nicht ein negatives, sondern ein positives Urteil fällt. Damit erkennt der Mensch, was er als Wahrheit vermeint. Eine darüber hinaus gehende Wahrheit, gibt es denn überhaupt eine solche, bleibt dem Menschen verschlossen.

Geld und Geld sind nach dem Gesetz gleich und lassen sich daher gegeneinander verrechnen. Doch in der Zeit mag Geld auch verschieden sein wie sonst eine Sache. Sommers 1948 wurden im Tresor einer Bank von Zürich 25’000 Dollar nebst 80’000 Franken gegen ein Selbstporträt van Goghs handkäuflich umgesetzt. Ein Dollar kostete damals Fr. 4.29. Für das Gemälde wurde also Geld im Wert von 187’250 Franken ausgegeben. Jahrzehnte später reichen das Hundertfache davon nicht mehr aus, um einen Van Gogh zu bezahlen, und der Preis für einen Dollar beträgt weniger als einen Franken. In der Zeit verändert haben sich sowohl der Van Gogh als auch das Geld.

Das unwiderrufliche Zahlungsversprechen an sich ist so wenig erkennbar wie das Ding an sich oder der Kauf an sich. Was aber das unwiderrufliche Zahlungsversprechen, ist möglich. Man stelle sich vor, nicht zu wissen, was ein Kauf sei, und frage sich, wie er zu begreifen wäre. Er würde zunächst nach dem Zweck forschen und wie zum unwiderruflichen Zahlungsversprechen die Annäherung des Kaufs an den Handkauf als Zweck des Kaufs den Umsatz von Sache und Geld zwischen zweien feststellen. Vielleicht würde dagegen eingewandt, dies laufe auf einen Zirkel hinaus, indem ohne zu wissen, was ein Kauf sei, dessen Zweck behauptet werde. Gelänge es dieser Methode jedoch, die wesentlichen Bestandteile des Kaufs heraus zu finden, so dürfte sie die Anzeige der Tautologie sich gern gefallen lassen. Denn sie hätte alles geleistet, was sie hat leisten müssen. Das unwiderrufliche Zahlungsversprechen ist, was es sein soll. – Dass im Dreieck des Grundstückkaufs mit unwiderruflichem Zahlungsversprechen zwischen Verkäufer und Käufer der Grund ihrer Beziehung in einem Grundstückkaufvertrag und dessen Folge der Tausch von Grundstück und Geld ist und dass zwischen Käufer und Bank ein Kontovertrag oder dergleichen besteht, liegt auf der Hand. Wie sich dies beides aber als Halbwahrheit ausweisen wird, ist noch viel mehr im Dunkeln verborgen, was die unabdingbaren Bestandteile der Beziehung zwischen Bank und Verkäufer sind. Erst wenn diese eindeutig und klar feststehen und zur Beziehung zwischen Bank und Zahnarzt die Essentialia des Grunds für die Zahlung der Zahnarztrechnung erkannt sind und überdies die Frage beantwortet ist, weshalb, wenn sich sowohl der Grundstückkaufvertrag als auch die durch das unwiderrufliche Zahlungsversprechen zwischen Bank und Verkäufer geschaffene Beziehung erfüllen sollen, nicht zwei Mal zu zahlen sei und dem Gesetz des Gesetzes trotzdem Genüge getan ist, erst dann sind die Geldüberweisung und das unwiderrufliche Zahlungsversprechen wirklich begriffen.

Ich hätte Ihnen gern von der Auktion in Luzern erzählt. Den Van Gogh habe ich leider nicht bekommen, obwohl er mir bei Frs. 165,ooo.– schon zugeschlagen war. Es kam ein Amerikaner mit einem höheren Angebot nachgekleckert, und man hat trotz meines Protestes weiterbieten lassen. Inzwischen habe ich einen anderen Van Gogh erworben, eine Landschaft aus der frühen Zeit in Arles, sehr schön. – Schrieb E. Bührle in einem Brief vom 13. Juli 1939 einem befreundeten Kunstmaler. Der entgangene Van Gogh war das berühmte Selbstbildnis für Gauguin gewesen, damals das teuerste je gehandelte Gemälde und wäre es noch heute, hinge es nicht in einem Museum von Massachusetts an einer Wand. Er war es denn auch, der ihn begleitete, 1948, als in jenem heissen Sommer eine Spielart davon angeboten wurde.
Die Bilder sind auf dem Boden des Tresorraums ausgelegt. Elsa von Kesselstatt hat die Bilder von ihrem ersten Mann geerbt, Bankier in Berlin, der 1933 die Sachen in die Schweiz hat schaffen lassen. 1940 ist sie mit einem österreichischen Grafen aus altem deutschem Adelsgeschlecht wieder eine eheliche Beziehung eingegangen. Die Gräfin scheint am liebsten den Van Gogh verkaufen zu wollen, im De la Faille und anderer einschlägiger Kunstliteratur als Selbstporträt bezeichnet, die Variante des Selbstbildnisses für Gauguin, mit Blumen über Türkisgrund, Öl auf Leinwand, 61 x 50 cm.
Bührle war mit Herstellung und Verkauf von Maschinen und Kanonen steinreich geworden. An jener Auktion in Luzern hatte das nationalsozialistische Deutschland 125 in Museen als entartete Kunst beschlagnahmte Bilder zu Geld gemacht, darunter das seit 1919 in der Pinakothek von München gehangene ursprüngliche autoportrait à l’ami Gauguin. Zu seinem Ärger hatte sich damals ein im Saal sitzender amerikanischer Händler gemeldet, der behauptete, übersehen worden zu sein, und erreichte, dass die Versteigerung nochmals eröffnet wurde. Jetzt war das Bild an den Mitbieter gegangen, der es bar bezahlte und in sein Auto verlud. Umso glücklicher war Bührle, das ihm durch diesen misslichen Vorfall entgangene Bild in einer andern Fassung doch noch erwerben zu können.

Alles geschieht in der Zeit. Auch die Beziehung ist zeitlich. Die Zeit gehört zur Beziehung wie neben dem Raum das Paar, die Sache und das Vertrauen. Jede Beziehung ist mit der Zeit untrennbar verknüpft. Die Beziehung entsteht in der Zeit, besteht in der Zeit und vergeht in der Zeit. Sie verbindet Anfang und Ende der Beziehung. Hat eine Beziehung angefangen, sei sie ein Versprechen oder ein Verbrechen, sei sie ein Vertreuen oder ein Verspreuen, so endet sie irgendwann durch die Zeit, sofern sie nicht vorher aus anderer Wirkung oder sonstiger Folge zu bestehen aufgehört. Ist das Vertrauen nicht durch Übergang der Sache erloschen, durch eine neue Beziehung zwischen dem dazugehörenden Paar abgelöst worden oder etwa in einem der beiden zusammen gefallen, so vergeht sie in der Zeit. Wirkung oder Folge ist das Lösen der mit der Beziehung verbundenen und aus anderer Ursache oder anderm Grund aufgebauten Spannung. Die Zeit lässt zwischen dem Paar, welches der Beziehung angehört, das aus Recht und Pflicht bestehende Vertrauen ohne Übergang der Sache gegenseitig zurück fallen. Diese Zeit ist vom Gesetz vorgeschrieben und heisst Jährung.

Die Jährung dauert ein Jahr.3 Sie beginnt an dem auf das sie auslösende Ereignis folgenden Tag und endet ein Jahr, nachdem sie zu laufen begonnen hat, also am Ende des ersten Jahrestags ihres Beginns. Doch das Gesetz spricht in Sinnbild und Gleichnis. So kennt es etwa mit Jahrzehnt oder Jahrhundert auch längere Jährungen und kürzere wie Tage, Wochen und Monate. Ist eine Jährung verstrichen, so erlischt die Beziehung durch Vertrauentausch ohne Sachübergang. Ausgenommen davon sind Beziehungen, für die keine Jährung vorgeschrieben und welche in der Gleichzeitigkeit geschehen.
Die Jährung umfasst eine Zeit, welche länger dauert als einen Augenblick. Geschehen Anfang und Ende einer Beziehung gleichzeitig, so sind sie eins. Ohne eine zwischen Anfang und Ende der Beziehung liegende Zeit, welche länger als ein Moment, hat sie keine Dauer und kann damit in der Zeit nicht länger sein als irgend eine vom Gesetz vorgeschriebene Jährung. Beziehungen, die in der Gleichzeitigkeit geschehen, sind daher von der Jährung nicht betroffen. Sie ist naturgesetzlich ausgeschlossen, wo Anfang und Ende der Beziehung in der Zeit zusammen fallen. Denn in der Gleichzeitigkeit vermag keine Zeit zu laufen. Ob Verhältnis oder Unverhältnis endet die Beziehung, wenn Anfang und Ende zeitgleich sind, unabhängig von der Zeit. Während im Grundstückkauf oder im Diebstahl der Anfang und das Ende der Beziehung in der Zeit unabänderlich voneinander abweichen, sind sie zeitgleich im Handkauf und im Respekt vor Eigentum oder zwischen Bank und Zahnarzt in der Zahlung der Zahnarztrechnung.
Wenn auch Anfang und Ende von Beziehungen zeitlich zusammen fallen können, so kommt das Ende doch niemals vor dem Anfang. Wenn der Bestohlene die weggenommene Sache dem Dieb schenkt, so liegt nicht mit dem Übergang der Sache das Ende der Schenkung vor deren Zusage als erlaubter Handlung. Vielmehr verrechnen sich mit der Schenkung die Pflicht des Diebs, die Sache zurück zu geben, mit der Pflicht des Schenkers, ihm die Sache mit Nutzen, Lasten und Gefahren zu übergeben, womit zwei Beziehungen gleichzeitig vergehen.
Aber andere Beziehungen umfassen einen Zeitraum, eine Zeitspanne also, welche länger dauert als einen Augenblick. Beziehungen, welche angefangen, aber nicht geendet haben, sind daher von der Jährung erfasst. Hat sie zu laufen begonnen, so erlischt die Beziehung mit deren Ablauf, sofern die Beziehung nicht vorher aus anderer Folge geendet hat.

Die Zeit heilt Wunden. Was lange währt, wird endlich gut. Auch wenn in einer angefangenen und noch nicht geendeten Beziehung ohne Übergang der Sache mit Recht und Pflicht das Vertrauen in der vom Gesetz vorgeschriebenen Jährung gegenseitig zurück fällt. Gut heisst gerecht und gerecht, was das Gesetz statuiert. Als wahr gilt, was das Gesetz vorschreibt, und zwar selbst dann, wenn es eine Beziehung durch die Zeit vergehen lässt.

Gesetzlich ist die Zeit entweder Jährung oder Unjährung. Jährung lässt eine Beziehung, sofern sie nicht vorher aufgehört hat, durch die Zeit enden. In der Unjährung läuft keine Zeit, so dass eine Beziehung nicht durch die Zeit zu vergehen vermag. Jährung gilt im Verhältnis und Unjährung im Unverhältnis. Und zu beiden dieser Arten von Zeit besteht eine gewichtige Ausnahme.

 

1 Arsenij Gulyga: Immanuel Kant. S. 128.

2 Die 1918 bis 1991 in Moskau erschienene und von der kommunistischen Partei der Sowjetunion herausgegebene Prawda, russisch für Wahrheit, trug ihren Namen zu Recht. Denn wahr ist, was dem Gesetz entspricht, und das Gesetz stellt auf, wer die Macht hat. Die Macht in der Sowjetunion hatte fürwahr die dortige kommunistische Partei.

3 jären: den Jahrestag erreichen (Schweizerisches Idiotikon).